Was ist „Unknown Armies“?

Jetzt schreibe ich ja schon recht viele Berichte zu Unknown Armies Szenarien, habe aber noch nie wirklich erklärt, was das überhaupt ist. Diese Versäumnis werde ich nun endlich mal nachholen.

Die Welt von Unknown Armies

Unknown Armies wurde von Greg Stolze und John Tynes erdacht und verfasst und spielt in unserer Welt und in unserer Zeit. Während sich Unknown Armies 2 insbesondere mit den Jahren kurz vor dem neuen Millennium befasste – zu welcher Zeit es auch veröffentlicht wurde – bleibt UA 3 ebenso modern und spielt in den 2000ern.

In der Welt von UA kann alles, was von den Menschen in irgendeiner Weise mit Bedeutung versehen wird, auch wahre Bedeutung erhalten. Klischees werden Wirklichkeit – und so entsteht Magie. Und in dieser Welt zeigt sich, dass der Mensch das wahre Monster ist…

Avatare

Ein Avatar ist eine Person, die dem Idealbild eines Prinzips oder Klischees möglichst genau entspricht. Arnold Schwarzenegger wurde durch seine Filme zum Avatar des Actionhelden. Präsident Bush ist ein Avatar des Narren (jemand, der aufgrund seiner Dummheit sehr viel Glück hat). Eine Frau, die viele Kinder hat und sich fürsorglich um diese kümmert, kann zum Avatar der Mutter werden. Es gibt etliche Avatare, manchmal entstehen neue, während andere verschwinden, weil wir uns nicht mehr mit ihnen beschäftigen, das Klischee nicht mehr nähren oder sich das Bild einfach verändert. Der Avatar des Boten, welcher Nachrichten überbringt, wurde beispielsweise durch die Entstehung von Social Media komplett über den Haufen geworfen. Unter seinen Avataren gab es einen regelrechten Krieg, sodass es nun zwei unterschiedliche Ausrichtungen gibt, eine, die noch immer altmodisch die Wahrheit überbringt und eine, die möglichst viele Informationen in die Welt hinausposaunt.

Je besser ein Avatar sein Idealbild verkörpert, desto stärker werden seine Fähigkeiten, bis er schließlich zum Godwalker wird. Von jeder „Sorte“ von Avatar gibt es zu jeder Zeit stets nur einen einzigen Godwalker, eine stark umkämpfte Position. Ziel eines jeden Godwalkers ist es, aufzusteigen in den Himmlischen Rat. Dieser Rat besteht aus 333 Plätzen, die nach und nach von verschiedensten Avataren gefüllt werden. Hin und wieder wird auch einer von jenen, die einst im Rat saßen, durch eine neuere, modernere Version seines Avatars ersetzt. Das geht solange, bis alle 333 Plätze besetzt sind. Ist dies geschafft, vergeht die Welt und wird neu erschaffen – und je nachdem, wie die Ausrichtung der Avatare im Rat ist (treten sie mehr für das Gute ein oder wollen sie Anarchie und Chaos, etc.), wird die neue Welt werden.

Adepten

Adepten sind die eigentlichen Magier in UA. Sie verschreiben sich einem Lebenszweck so sehr, dass sie daraus Macht gewinnen. Doch Magie ist widersprüchlich: Ein Chaosmagier muss sich selbst in möglichst lebensbedrohliche Situationen begeben, damit er später Zauber auf sich wirken kann, mit denen er sein Glück erhöht. Ein Dipsomant muss betrunken sein, um zaubern zu können, kann aber die Auswirkungen des Alkohols wegzaubern. Ein Fleshworker muss sich selbst verletzen, um anderen Personen ebenso großen Schaden zuzufügen.

Adepten sind besonders eng mit einer Spielregel verbunden, welche sich Obsession nennt. Die Obsession beschreibt quasi den Lebenssinn oder das wichtigste Ziel jedes Charakters. Kommt ein Charakter in eine Situation, in der seine Obsession eine Rolle spielt, darf er darüber Würfe wiederholen. Jeder Charakter kann seine Obsession frei wählen – nicht so der Adept. Da Adepten nur noch für ihre Magie leben und darüber auch die Kraft beziehen, sie zu wirken, ist ihre Magieform gleichzeitig ihre Obsession. Er kann sich nicht von ihr trennen, ohne sich selbst zu verlieren.

Das System

Unknown Armies ist ein Psychological Horror System, das teilweise sehr sensible Themen verwendet oder einfach nur verstörende Weirdness erzeugt. Es gibt daher ein detailliertes Madness-Meter, welches verschiedene Kategorien von Ängsten aufteilt: Gewalt, Übernatürliches, Hilflosigkeit, Isolation und Selbst. Je nach Situation wird auf einen passenden Bereich gewürfelt und man kann entweder Failed oder Hardened Marks erhalten, je nachdem, ob die Probe gelingt oder nicht. Durch die Aufteilung der verschiedenen Kategorien lässt sich auch viel besser darstellen, was für Erfahrungen unterschiedliche Berufsgruppen besitzen. Ein Veteran wird beispielsweise schon viel Gewalt gesehen haben und ist davon weniger abgeschreckt als ein Altertumsforscher, der möglicherweise schon ein paar Erfahrungen mit dem Übernatürlichen gemacht hat oder schonmal in einer Pyramide eingeschlossen war.

Jeder Charakter hat außerdem eine Obsession, die ihn antreibt und drei Passions (Rage, Fear, Noble), welche seine grundlegenden Charakterzüge darstellen. Über diese vier individuellen, persönlichen Eigenschaften können Würfe wiederholt oder gedreht werden. In UA 3 erhalten die Passions aber auch ingame Bedeutung, was hervorragend an dem neuen Oneshot Maria in three parts demonstriert wird.

Gespielt wird mit W100 bzw. 2W10. Man muss auf oder unter den Fähigkeitswert würfeln, damit eine Probe gelingt. Je näher man dabei an seinem Wert dran ist, desto besser das Ergebnis. Die 1 ist jedoch trotzdem das bestmögliche Ergebnis. Schnapszahlen haben ebenfalls eine besondere Bedeutung: Würfelt man bei einem Fähigkeitswert von 30 eine 11, ist dies sogar besser, als hätte man eine 29 gewürfelt. Würfelt man jedoch eine Schnapszahl über dem Fähigkeitswert, ist das besonders schlecht. Mit den Passions kann man aber auch Würfel drehen. Hat man beispielsweise eine 91 gewürfelt und würde die Probe deshalb nicht bestehen, kann aber eine seiner Passions geltend machen, kann man die Würfel auf eine 19 drehen und die Probe so doch noch schaffen.

UA 3 hat noch mehr zu bieten

In der jüngst erschienenen 3. Edition gibt es zusätzlich zu diesen Regeln auch noch Identities, Identitäten. Diese haben jeweils eigene Werte und können Berufe oder Charaktereigenschaften sein, welche normale Proben ersetzen oder spezielle Fähigkeiten ausbauen können. Jemand mit der Identität Polizist kann beispielsweise wählen, dass er dadurch mit Schusswaffen umgehen kann und darf auf seine Polizist-Identität würfeln statt auf Fitness, um jemanden zu verfolgen. Jede Identität ist vollkommen individuell gestaltbar, sodass kein Polizist wie der andere ist. Damit bietet UA 3 ein besonders hohes Maß an Individualisierungsmöglichkeiten für jeden Charakter.

Setting the Stage

Damit aber noch nicht genug. UA 3 ist massiv aufs Kampagnenspiel ausgelegt, was man bereits vor Spielbeginn merkt. Niemand erschafft seine Charaktere mehr alleine, nein, alle setzen sich gemeinsam zusammen und erschaffen zusammen eine sogenannte Cabal, eine Kabale/Gilde. In mehreren Schritten werden abwechselnd die Charaktere und die Kabale immer weiter ausgebaut: Namen, Ziele, Identitäten, andere Orte und Personen, Gerüchte, Geheimnisse. Schrittweise baut sich so das Gerüst auf und die Charaktere werden der Gilde angepasst und ausgeschmückt. Wie die einzelnen Schritte aussehen können, könnt ihr gerne in unserem ersten Versuch nachlesen.

Gegen Ende der Erschaffung von Kabale und Charakteren werden auch die Beziehungen der SC zu anderen SC oder NSC festgelegt. Dazu gehören beispielsweise der Mentor, der Favorit oder der Schützling. In der Interaktion mit diesen Personen kann man auf den Wert der Beziehung zu ihr würfeln statt auf eine Fähigkeit. Möchte ich meinen Mentor schlagen und kenne ihn recht gut, weiß ich beispielsweise, dass er neulich erst eine Bauch-OP hatte und ihn ein Schlag in den Magen besonders heftig treffen wird. Über diese Beziehungen kann man auch versuchen, sich Vorteile zu verschaffen, allerdings funktioniert das in beide Richtungen. Du kannst nicht immer nur fordern, sondern kannst auch gefordert werden. Behandelst du deine Verbindungen schlecht, schlägt sich das in den Werten nieder und du kannst sie sogar verlieren.

Fazit

Unknown Armies ist ein detailliertes, ausgeklügeltes System, welches manchmal verwirrend und abgedreht wirkt. Es geht um Horror, persönlichen Horror und psychologischen Horror und darum, dass kaputte Menschen versuchen, die Welt zu retten. McAttack (McDonalds Angestellte, die Magie mittels Burger ans Volk verteilen) hat das angeblich zur Jahrtausendwende schon einmal geschafft und niemand weiß, wie oder was sie genau getan haben. Wem Cthulhu zu zahm ist und wer nicht unbedingt Wert auf Tentakelmonster legt, ist hier sehr gut aufgehoben. Manchmal erscheinen mir persönlich aber ein paar der Konzepte sehr fern, was womöglich daran liegt, dass es ein sehr amerikanisches System ist und man das durchaus merkt. Mir persönlich fehlt hin und wieder einfach der Bezug zu meiner Lebenswelt und würde mich besser fühlen, wenn manche Rituale mehr auf Gerüchten beruhen würden, die ich selbst kenne – immerhin soll das Spiel ja die reale Welt abbilden.

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